Reparatur

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Ich scheine gerade Objektivreparaturen gepachtet zu haben. Diesmal hat es den Fokus meines lieblings Portraitobjektiv das "Canon 85mm f1.2" getroffen.

Drehte ich den Fokusring, dreht sich die Entfernungsanzeige um etwa 10° und stoppt dann wieder ruckartig. Bei weiterem drehen des Manuellen-Fokusrings geschah dies erneut. Es ist dabei unerheblich wie schnell oder weit man den Manuellen-Fokusring dreht (keine Korrelation zwischen Manuellem-Fokusring und tatsächlicher Fokussierung). Die Drehrichtung hingegen stimmte.
Gleiches Verhalten zeigt sich bei der Verwendung des Autofokuses der Kamera. Auch hier dreht die Entfernungsanzeige in ebenso ruckartigen große Schritte und Fokussierte daher ebenfalls nicht brauchbar. 

Ohne Fokussierung taugt das Objektiv mit seiner riesigen Blende und entsprechend geringer Tiefenschärfe nur noch als ein exklusiver Briefbeschwerer. Es war also keine Frage, dass es repariert werden müsste. Garantie ist eh schon lange abgelaufen, also beschloss ich es bevor ich es einschicke, erst einmal selbst genauer anzusehen.

Aus der Fehlerbeschreibung lässt sich bereits recht gut eingrenzen wo der Fehler zu suchen ist. Das sich Auto- und Manueller-Fokus gleich verhalten ist nicht verwunderlich, da bei diesem Objektiv der Manuelle-Fokusring ausgelesen und in Anweisungen für den Autofokusmotor umgesetzt wird. Das Auslesen des Manuellen-Fokusrings scheint somit zumindest nicht das primäre Problem.
Weiterhin scheint der Autofokusmotor nicht grundlegend Defekt, da er sich über den gesamten fokussierbaren Bereich dreht. Bei dem Autofokusmotor handelt es sich um einen ringförmigen Ultraschallmotor (kurz USM). Es ist nicht möglich von einem USM Informationen zu bekommen die Rückschlusse auf Drehgeschwindigkeit oder Position zulassen. Ohne diese Information ist aber keine Fokussierung möglich. Daher muss sie mit einem Sensor erfasst werden. Hier vermutete ich den Defekt, da das Objektiv entweder keine oder Fehlerhafte Informationen zu seiner Fokusposition bekommt und daher die Fokussierung abbricht.

Zurück am physischen Objekt beginnt die Demontage. Hierbei fällt sogleich die hochwertige und robuste Bauweise des Objektives positiv auf. Auch merkt man recht schnell, dass in diesem Objektiv eine ganze Reihe an Finessen stecket: Sei es das Kugellager mit 72 Kugeln das einmal um das Objektiv geht um es in jeder Lage leicht Fokussieren zu können; die Abtastung des Manuellen Fokusrings mit zwei dreier Kontakten, so dass aus der Phase die Drehrichtung ermittelt wird; oder dass fast die gesamte Elektronik auf flexiblen Leiterkabeln untergebracht ist. Während der Demontage fand ich in einem Spalt ein nicht weiter befestigtes und nicht dort hinzugehörendes Stückchen rechteckiges Planglas (Abmessungen: 4.3x6.6x0.7mm) mit dunklen Streifen die nicht ganz parallel waren. Die Kanten sahen hierbei unbeschädigt aus, so ist es wohl nirgends abgebrochen.

Der Positionssensor des USM ist bei dem Objektiv als optischer Inkrementalgeber ausgeführt. Er besteht aus einer durchsichtigen Scheibe die ein sehr feines Strichmuster trägt und einer Doppellichtschranke. Das ganze war augenscheinlich Unbeschädigt und auch nicht verdreckt. Da dies der einzige optischen Sensor im Objektiv war, lag die Vermutung nahe, dass das gefundene Planglasstückchen zu diesem gehörte. Da das Planglasstückchen eine ähnliche Teilung wie die durchsichtige Scheibe hatte, vermutete ich die Verwendung als zweites Gitter in der Lichtschranke. Auf diese Weise kann der Moire-Effekt für eine noch einmal deutlich erhöhte Genauigkeit genutzt werden. Tatsächlich waren auf der Lichtschranke mit einer Lupe Reste einer Klebestelle zu Erkennen, die mit dem Planglasstückchen übereinstimmen könnten.

Eine Probemontage des Plättchens in der Lichtschranke zeigte, dass die Linse wieder Fokussiert. Daher wurde das ganze wieder zusammengebaut und ich freute mich einen Keks über die gelungene Reparatur. Es fokussiert wie am ersten Tag.

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